Die Schlange im alten Ägypten

ägyptisches Tierlexikon - KobraUrsprünglich gab es in Ägypten etwa 40 Schlangenarten. Heutzutage gibt es davon noch etwa die Hälfte, darunter Nattern, Vipern, Ottern und Riesenschlangen. Am giftigsten und gefährlichsten sind die Hornviper und die Kobra.

Die Schlange spielt im alten Ägypten eine Art Doppelrolle. Einerseits wird sie gefürchtet und verabscheut, andererseits vergöttlicht und verehrt. Diese Zwiespältigkeit passt sehr gut zu ihrem Wesen.

Die Schlange - Neugeburt und Schutz

Sie gilt als gefährlich und unberechenbar, aber durch die Schönheit ihres Körpers auch als geheimnisvoll. Durch ihre Zähigkeit, Schnelligkeit und alljährliche Häutung, schien sie sich selbst zu verjüngen und ihr Alter abzuwerfen.

Sie wird gerne "Erdsohn" genannt, denn sie bewegt sich nicht nur auf und in der Erde, sie schien aus der Erde hervorgegangen zu sein. Deshalb wurden die Urgötter gerne in Gestalt einer Schlange abgebildet. Bei den vier weiblichen Urgöttinnen der Achtheit ist das zum Beispiel der Fall gewesen. Ihre Köpfe werden als Schlangenköpfe abgebildet - auch wurden sie die vier Hornvipern genannt.

Da die Schlange der Erde sehr nahe steht, werden auch manche Erntegötter z.B. Thermuthis als Schlange verehrt.

Durch die Verknüpfung der Schlange mit den Urgöttern und damit mit dem Urbeginn wird sie mit der Zeit oder auch Zeitabschnitten in Verbindung gebracht und dadurch wiederum mit der Zeitspanne des Lebens. Man nennt sie in diesem Kontext auch gerne "Herr des Lebens".

Entsprechend wurde sie vom Volk verehrt. Es entstand ein reger Tierkult, wo man sie als Schutzschlange verehrte und um Gesundheit und ein langes Leben bat. Man fand Schriften aus späterer Zeit, wo Schlangen als Haustiere gehalten wurden. Unter ihnen befanden sich sogar Giftschlangen, die ihren Besitzern gefährlich werden konnten. Auch in Tempeln wurden Schutzschlangen gehalten. Man fand dort Verzeichnisse ihrer Namen. Vermutlich hatten sie auch die Aufgabe, die Dauer des Tempels zu gewährleisten. Man geht davon aus, dass dieser Tierkult uralte Wurzeln hat, denn man fand sogenannte Schlangensteine, die man als Schutzsymbole in Heiligtümern aufstellte.

Eine bekannte und wichtige Göttin, die Lokalgöttin von Buto namens Uto wurde als Schlange verehrt. Ihr Tier ist die Uräusschlange, eine Kobra, die sich auf der Stirn des Sonnengottes befindet, um seine Feinde zu bekämpfen. Man nannte sie das Feuer sprühende Auge des Re. Im Laufe der Zeit wurden alle anderen großen Göttinnen mit der Uräusschlange gleichgesetzt. Sie wurde zum Schriftbild des Wortes Göttin.

Feind des Menschen und der Götter

Trotz aller Verehrung wurde die Schlange auch gefürchtet. Sie war gefährlich und wurde als Feind des Menschen, aber auch als Feind der Götter, insbesondere des Sonnengottes verfolgt. Es gibt zahlreiche Zaubersprüche, die vor den giftigen Bissen schützen sollen. Apophis, der schlangen- bzw. drachengestaltige Feind des Sonnengottes Re, galt als sein ärgster Urfeind. Die Schlange ist also auch der Gegenspieler des Sonnengottes. Sie gehört dem Dunkeln der Erde an und bekämpft das Licht des Himmels.

Als Erdtier verwundert es nicht, zahlreiche Schlangen auch im Totenreich zu finden. Schlangenartige Gestalten bewachen Tore oder hüten Schätze, um die sie ihren Körper winden. Doch auch in aufrechter Gestalt sind sie zu finden, Feuer speiend und häufig mit einem Messer bewaffnet. Es gibt auch Schlangen, die den Toten vernichten und sich von ihm ernähren. Im Totenbuch sind zahlreiche Abwehrsprüche gegen Schlangen zu finden.

Doch auch ihr Gegenstück ist im Totenreich vertreten: die Schlange als Helfer für Neugeburt und Verjüngung der Toten. Hier knüpft der Totenglaube an der alljährlichen Häutung der Schlange an. Andere Schlangengestalten begleiten den Toten bis hin zu seiner Vereinigung mit den Göttern des Totenreichs. Selbst auf der Nachtbarke, wo der Sonnengott die Unterwelt passiert, wird die Schlange als Helfer eingesetzt. Sie ringelt sich über die Kajüte des Sonnenschiffs und zieht zeitweise das Sonnenschiff, wenn es nicht mehr aus eigener Kraft weiterfahren kann.