Der Mythos als Heldenreise

Sämtliche Mythen (aber auch Märchen, Sagen, Filme, etc.) kann man unter dem Gesichtspunkt einer Heldenreise betrachten.

Was passiert in einer Heldenreise?

Steinturm, der umfälltDer Held lebt zu Beginn seiner Laufbahn in einem paradiesähnlichen Zustand. Ob das nun eine glückliche Kindheit, Gründung einer eigenen Familie oder ein erfolgreicher Beruf ist, ist sekundär. Wichtig ist immer, dass der zukünftige Held in eine Situation gerät, die sein bisheriges Leben mehr als nur stört. Er verliert sein Paradies, unabhängig davon, was er als Paradies erlebt hat, denn das ist von Mensch zu Mensch völlig unterschiedlich.

Das erste Paradies verliert ein Mensch schon als Kind, nämlich wenn es erwachsen wird und erfährt, dass die Welt da draußen keine Sicherheit bietet. Es funktioniert nicht alles so, wie man es sich vorstellt: schlechte Noten in der Schule, die erste Beziehung scheitert, eigene Berufswünsche können nicht verwirklicht werden, man verliert seine Lehrstelle/Job, ein geliebter Mensch oder Tier stirbt, etc.

Ziehen wir hier eine erste Parallele zum alten Ägypten. Dort wird erzählt, dass die Menschen nach der Schöpfung in einem Paradies bzw. goldenen Zeitalter lebten, bis sie dieses Paradies verloren. Auch im Christentum und anderen Religionen taucht die Idee eines Paradieses auf. Die zuvor sichere Umgebung wird zerstört, bzw. die Menschen geraten in eine bedrohliche Situation, die sie nur aus eigener Kraft wieder ändern können. Allen verschiedenen Mythen ist gemeinsam, dass der Mensch versucht, den anfänglich paradiesischen Zustand wieder herzustellen.

Viele Religionen versprechen den Menschen, dass das erst nach ihrem Tode möglich ist, nämlich wenn sie gottgefällig leben, d.h. nach entsprechenden Regeln handeln.

Auch wenn wir die Jenseitsversprechungen und Schöpfungsmythen verlassen und unsere Perspektive auf das Leben im Diesseits richten, kann das oben genannte Prinzip: "Wiederherstellung des Paradieses", beobachtet werden. Um das Paradies wieder zu gewinnen, muss sich der Mensch seinem Dämon stellen, seinem Widersacher. Egal welcher Dämon in den Erzählungen auftaucht, letztlich bedeutet der Kampf gegen den (äußerlichen) Dämon einen Kampf gegen den eigenen inneren Dämon.

Je nach Problem nimmt der Dämon unterschiedliche Gestalten an. Bleiben wir in der heutigen Zeit, so kann in einer Liebesgeschichte der äußerliche Dämon in Form einer Frau auftreten. Es geht aber darum, sich der eigenen Angst vor Zurückweisung, Eifersucht, Verlust zu stellen, d.h. diesem eigenen inneren Dämon. Die Wiedererlangung des Paradieses (das Happy-End) besteht darin eine glückliche Beziehung zu führen, was in diesem Beispiel z.B. in Form einer Hochzeit ausgedrückt werden kann.

Der Held als Schöpfer seines Lebens

Der Held selbst meistert die schwierige Situation. Erst dadurch, dass er sein verlorenes Paradies aus eigener Kraft wieder erlangt, wird er zum Helden. Dieser Kampf ist nur dann Heldzu gewinnen, wenn der Held bereit ist, sich selbst zu ändern. Denn dann hat er die Chance seine Umgebung/Situation zu ändern.

Dieses Deutungsmuster:

  • das Leben im Paradies,
  • der Verlust des Paradieses (eine Katastrophe tritt ein),
  • der Kampf des Helden gegen seinen Dämon/Feind/Widersacher,
  • die Wiedererlangung des Paradieses,

lässt sich hervorragend auch auf die Göttermythen anwenden. Durch dieses Deutungsmuster lassen sich die Göttermythen besser verstehen. Je nachdem um welche Katastrophe bzw. Problem es geht, werden je nach Erzählung unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten angeboten.

Das Göttergericht als Instanz innerhalb des Menschen

In den Göttermythen des alten Ägyptens fällt auf, dass bei Streits und Uneinigkeiten das Göttergericht entscheidet (siehe z.B. das Gericht der Neunheit). Es legt die Konsequenzen menschlichen Verhaltens fest. Die Institution des Gerichts ermöglichte es den alten Ägyptern erst eine funktionierende Gesellschaftsordnung aufzubauen, wo Menschen (und Götter) sich nach bestimmten Regeln des Zusammenlebens richten müssen. Menschen brauchen klare Orientierungen, damit sie zusammenleben, sich gegenseitig unterstützen und eine Kultur erschaffen können.

Da wir uns hier im Kontext der Mythen bewegen und ein Mythos im Unterschied zu einem Märchen, Sage, etc. den Sinn des menschlichen Lebens, bzw. den Sinn der Welt als Ganzes erklären will (siehe: Der Mythos), können wir aus der Institution des Göttergerichts Folgendes ableiten:

Jedes Handeln eines Menschen hat Konsequenzen. Nicht nur das eigene Fehlverhalten zieht Konsequenzen nach sich, sondern auch ein erfolgreich gelebtes Leben. Nicht erst nach dem Tod des Menschen werden Konsequenzen für sein Handeln festgesetzt, sondern er erlebt sie immer schon im diesseitigen Leben. Wer bereit ist aus seinen Fehlern zu lernen, wird sein Paradies auf Erden erschaffen und leben können (siehe: Das Totengericht).

Held auf PferdLetztlich entscheidet der Mensch immer selbst, wie er handelt. Zu erfahren, was die eigenen Handlungen bewirken, eröffnet erst die Möglichkeit zu entscheiden, was und wie man etwas tun will. Macht sich der Mensch dies bewusst, so hat er die Chance ein erfolgreiches und glückliches Leben zu führen. Denn der Mensch ist weder der Laune der Natur, noch der Laune irgendwelcher Götter hilflos ausgeliefert, sondern erkämpft und gestaltet sein Leben selbst. Erst das macht ihm zum Helden und Vorbild für andere Menschen. Wer so lebt, dessen Leben ist eine Heldenreise.

 

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