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Das Mundöffnungsritual

Das Mundöffnungsritual (auch Augenöffnungsritual) ist ein Opfer- und vor allem ein Belebungsritual. Es spielt in der ägyptischen Totenliturgie eine sehr wichtige Rolle. Dieses Belebungsritual ist für den Eintritt des Toten in das Jenseits unverzichtbar.

Die Mundöffnung in der Bildniskunst

Kopf einer Mumie.
Der Kopf dieser Mumie ist sehr gut erhalten – sie wirkt fast lebendig.

Das Mundöffnungsritual für den Toten bzw. für die Mumie, die dadurch wiederbelebt werden sollte, entstand ursprünglich in der Bildnis- bzw. Bildhauerkunst.

Wichtig ist das Leben, das jedes Bildnis und jede Statue zum Vorschein bringt und in sich trägt. Deshalb ist der Künstler „Beleber“. Doch das reicht noch nicht aus, denn seine Priorität liegt auf die Formen, die er schafft. Es bedarf einer magischen Handlung, die Bilder von Göttern oder Statuen dazu befähigen, Opfer aufzunehmen. Es bedarf einer Zeremonie der Mundöffnung. Doch die Wirkung dieser Mundöffnung geht sehr viel weiter. Es soll nicht nur der Mund geöffnet, sondern alle Sinne geweckt werden.

„Ich öffne deinen Mund, damit du mit ihm redest, deine Augen, dass du Re siehst, deine Ohren, dass du die Verklärungen hörst, dass du deine Beine hebest zum Gehen, dein Herz und deine Arme, um deine Feinde abzuwehren.“ 1

Diese Belebung benötigen aber nicht nur Bilder von Toten und Göttern. Überall, wo Kräfte wirken sollen, wird sie nötig, zum Beispiel für magischen Figuren, Uschebtis, Skarabäen, Zauberbilder oder Amulette. Auch an ihnen wird die Mundöffnung vollzogen.

Mumie im Sarg
Hände und Kopf der Mumie wurden ausgewickelt.

Orte für die Mundöffnung

Als Ort der Mundöffnung wird das Goldhaus genannt. Es ist die Werkstätte der Bildhauer und der Goldschmiede. Vermutlich hat man im Atelier oder in der Arbeitsstätte einen gesonderten Raum für diese letzte Handlung am fast fertigen Bild oder Statue. Die Mundöffnung hat eine enge Verbindung zur Bildhauerei und dadurch zu Ptah, der oft als Mundöffner auftritt. Aber auch der Bildnergott Chnum wird als Herr des Goldhauses angesprochen. In den Pyramidentexten ist neben dem Goldhaus auch von einem Reinigungshaus die Rede.

Der Ort für das Mundöffnungsritual an einer Mumie dürfte hingegen in einem Vorraum der Grabkammer stattgefunden haben.

Anubis und Horus

Anubis
Anubis ist ein Totengott. Er führt in vielen Darstellungen das Mundöffnungsritual durch.

Meistens jedoch wird das Ritual der Mundöffnung dem Gott Anubis zugeordnet. Es gibt viele Bildnisse, wo er das Ritual durchführt. Doch auch Horus führt das Mundöffnungsritual an seinem Vater Osiris durch, der hier stellvertretend für den Toten genannt wird.

Das Mundöffnungsritual an der Mumie

Statue Anubis
Oft vollzieht Anubis das Mundöffnungsritual.

Ursprünglich wurde die Mundöffnung ausschließlich auf Gottesstatuen beschränkt. Doch sehr bald ging man dazu über, es auszuweiten. Das Mundöffnungsritual wird im Laufe der Zeit an der Leiche bzw. der Mumie vollzogen. Das war schon früh der Fall, doch Genaueres über dieses Ritual weiß man erst seit dem Neuen Reich. Denn das Mundöffnungsritual, zumindest der äußere Ablauf, wurde in Pyramidentexten genau festgehalten.

Das Reinigungsritual wurde in der Balsamierungsstätte (nach der 70-tägigen Einbalsamierung, d. h. Mumifizierung) vollzogen oder unmittelbar, bevor man die Mumie in den Schacht versenkte. Im Ritual selbst ist oft von der Belebung einer Statue die Rede. Sie steht hier auch stellvertretend für die Mumie. Beide, Mumie und Statue, bilden eine Einheit.2

Ablauf des Mundöffnungsrituals

Das Ritual mit seinen Stationen hat sich im Laufe der Zeit entwickelt. Zum Teil findet man 75 Einzelszenen beschrieben, die aber nicht immer rituell ausgeführt wurden. Dabei ist es auch wichtig, ob das Mundöffnungsritual an einer Statue oder an einer Mumie durchgeführt werden soll. Denn davon ist maßgeblich der Ort des Rituals abhängig. Auch wird das Mundöffnungsritual am Toten erst nach abgeschlossener (70-tägigen) Balsamierung (= Mumifizierung), also vor der Beisetzung durchgeführt.

Ptah
Der Körper von Ptah hat die Form einer Mumie. Auch er führt die Mundöffnung durch.

Die wichtigsten Handlungen im Ritual der Mundöffnung bei einer Statue (die sich aber im Kern auf die Mumie übertragen lassen):

  • Aufstellung der Statue auf einem Sandhügel, Richtung Süden (bzw. die Mumie im Mumiensarg)
  • Reinigungshandlungen mit Wasser, Natron, Räucherungen.
  • Erwecken eines neben der Statue schlafenden Priesters.
  • Rituelles Schlachten zweier Gazellen, einer Gans und vor allem eines Rindes, dessen Vorderschenkel und Herz der Statue gereicht wird.
  • Öffnung des Mundes und der Augen der Statue mittels bestimmter Werkzeuge und begleitet von Reden/Texten in der Osirissymbolik. Denn das Mundöffnungsritual, das Horus an seinem Vater Osiris vollzog, ist das Vorbild für jeden Toten.
  • Ein weiteres Schlachtopfer (welches dem ersten ähnelt) leitet den 2. Teil des Rituals ein.
  • Schmücken, Salben, Bekleidung der Statue;
  • Reinigen des Opfertisches;
  • Auftragen der Speisen, die der Statue dargebracht werden und auf einer Opferliste verzeichnet sind.
  • Transport der Statue zum Aufstellungsort (bei einer Mumie: in die Grabkammer).

Die Öffnung des Mundes und der Augen der Statue bzw. des Toten bezog auch die Ohren und Nase mit ein.

Mitwirkende beim Mundöffnungsritual

Die Riten sind manchmal recht kompliziert und weiten sich zu Mysterienspielen aus, die (bei wichtigen Persönlichkeiten) bis zu vier Tage dauern können. Auch die Zahl der mitwirkenden Personen kann hoch sein. Ein altes Mundöffnungsritual nennt neben einem Vorlesepriester (-> Priester) und Semi-Priester (Hohepriester des Osiris), der das Ritual leitet, sechs Männer mit priesterlichen und weltlichen Titeln. Zwei Klagefrauen, Bildhauer und Schlächter kommen hinzu.

Entsprechend dürfte bei weniger bedeutenden Statuen oder Verstorbenen schon aus Kostengründen das Mundöffnungsritual mit weniger bzw. gerafften Szenen durchgeführt worden sein. Auch die Zahl der Mitwirkenden dürfte sich in Grenzen gehalten haben.

Sarkophag - schön bemalt
Schön bemalter Sarkophag. Aus den aufgemalten Augen blickt der Tote hinaus in die Welt.

Verwendete Gerätschaften und Utensilien

Verschiedene Gerätschaften waren eigens für das Mundöffnungsritual gedacht. Ein Messer namens Peseschkaf hat eine fischschwanzförmige Schneide. Man deutete es als Hebammenwerkzeug zur Durchtrennung der Nabelschnur. Damit wurde der Vorgang der Mundöffnung mit dem Vorgang einer Geburt parallelisiert, was sehr gut zusammenpasst. Auch ein goldener Finger war dabei, mit dem der Mund ausgefegt wurde, wie bei einem Neugeborenen. Alle anderen verwendeten Gerätschaften sind typische Werkzeuge für Bildhauer. Darunter fallen Hacken, Dechsel und Meißel, die ebenfalls im Kontext eines Geburtsrituals gedeutet werden.

Denn der Tote wird wiederbelebt bzw. eine Statue belebt. In beiden Fällen handelt es sich um eine Geburt bzw. Neugeburt.

Eine wichtige Rolle scheint der Schenkel eines rituell geschlachteten Rindes zu sein. Er ist noch voller Blut und warm. Damit symbolisiert das Opfer die Lebenskraft, welche auf den Verstorbenen bzw. die Statue übergehen soll. Auch hat der Schenkel eines Rindes die Form eines Dechsels (ein Bildhauerwerkzeug), mit welchem der Mund geöffnet wird.

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Quellen und Einzelnachweise

1 Bonnet, Hans (2000), „Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte“, 3. unveränderte Auflage, Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG Hamburg, Seite 487.
2 Vgl. Altenmüller, Hartwig (Universität Hamburg) „Totenliturgie und Mundöffnungsritual“ (Originalveröffentlichung in: Hermann Knuf, Christian Leitz, Daniel von Recklinghausen (Hg.), Honi soit qui mal y pense. Studien zum pharaonischen, griechisch-römischen und spätantiken Ägypten zu Ehren von Heinz-Josef Thissen, Orientalia Lovanensia Analecta 194, Leuven 2010, S. 3–14, Tafel 1) Seite 12.

  • Wikipedia (zuletzt aktualisiert: 2021, 18. Februar) „Mundöffnungsritual“ (Stand: 18.12.21).
  • Bonnet, Hans (2000), „Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte“, 3. unveränderte Auflage, Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG Hamburg, Seite 487 bis 490 (Mundöffnung).
  • Totenliturgie und Mundöffnungsritual (pdf.) von Hartwig Altenmüller, Universität Hamburg.